Wenn Erfolg zum Problem wird

Einleitungstext

Anfang 2014 beschließt Gaby (Name von der Redaktion geändert) ihr Dienstleistungsportfolio zu sortieren und sich inhaltlich teilweise neu aufzustellen. Zu diesem Zwecke wendet sie sich an mich, und wir beginnen gemeinsam, mit Hilfe einer ABC Analyse und anderen Tools, uns durch den bunten Blumenstrauß ihrer organisch gewachsenen Angebote zu arbeiten. Relativ schnell wird klar, dass ihr aktuelles Portfolio zu breit und zu vielfältig ist, als dass wir sie damit in einer konsistenten Weise am Markt präsentieren könnten. Um ihr Profil in der Außendarstellung zu schärfen, entscheiden wir, bestimmte Dienstleistungsprodukte, die sich nicht mit dem von ihr angestrebten Profil als Businesscoach vertragen, von ihrer aktuellen Webseite zu entfernen und auf eigenen Landingpageszu präsentieren.
Zu diesen Dienstleistungsprodukten gehört auch ein definiertes Format aus dem Bereich der Familientherapie, nennen wir es der Einfachheit halber Familientherapiesystem XY. Gaby ist Gründungsmitglied dieses systemischen Ansatzes und agiert damit seit über einem Jahrzehnt erfolgreich am Markt. Sie möchte dieses Format weiter anbieten, es allerdings von ihrer Arbeit als Businesscoach trennen, um potentielle Kunden wie Geschäftsführer etc. nicht mit den familientherapeutischen Inhalten abzuschrecken.

Innerhalb von knapp zwei Monaten konzipieren und implementieren wir gemeinsam für dieses Format eine eigene Webseite, die sich ausschließlich auf die Inhalte und die damit einhergehenden Angebote für dieses Format konzentriert. Da im Bereich der Therapie und des interpersonellen Coachings das adressierte Kundenklientel normalerweise nicht bereit ist, längere Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen, verpassen wir der Seite eine klare Geolokalisation, in dem wir die URL nach dem Schema Produktname plus Lokalisation aufbauen. Im Ergebnis heißt die Seite dann www.familientherapiesystem_xy-städtename.de.

Durch professionell aufbereitete Inhalte, ansprechende, selbst erstellte Fotografien, ein eigenes Erklärvideo und eine klare Zielgruppenorientierung ist die Seite aus Sicht des Contentmarketings hervorragend aufgestellt. Technisch gesehen handelt es sich um einen sogenannten ONE-Pager, der trotz der umfangreichen Inhalte durch ein schnelles Caching sehr kurze Ladezeiten realisiert und durch das verwendete Responsive Design über alle Endgeräte hinweg genutzt werden kann. Also beste Voraussetzungen um im Google Ranking einen schnellen Spurt auf die vorderen Plätze hinlegen zu können. Dazu kommen noch eine umfangreiche Onsite SEO-Optimierung durch die umfangreiche Indizierung aller Medien und dem Setzen von Links, Metatext, Kategorien, etc.
Tatsächlich krabbelt die Seite bis Ende 2015 auf eine Pole Position bei Google und den anderen Suchmaschinen. Aktueller Stand ist der, dass bei Eingabe des Suchbegriffes Familientherapiesystem XY (das bedeutet ohne den Städtenamen zusätzlich zu verwenden!) die Landingpage von Gaby direkt unter der offiziellen Länderseite von Familientherapiesystem XY in Deutschland und der offiziellen Repräsentanz auf internationaler Ebene residiert.

Anfang dieser Woche bekommt Gaby dann eine Mail von einem der Organisatoren des Familientherapiesystems XY. In dieser Mail wird ihr im ersten Satz zu der „schönen Webseite“ gratuliert, um sie im zweiten Satz aufzufordern, die Adresse der Webseite zu ändern. Empfohlen wird eine Korrektur, in der wahlweise der Produktname Familientherapiesystem XY in einen Anderen, damit nur weitläufig zusammenhängenden Begriff geändert wird (in Kombination mit dem Städtenamen) oder der Produktname Familientherapiesystem XY in Kombination mit dem Namen von Gaby gesetzt werden soll. Als Grund wird angegeben, dass ein Trainer/in in Familientherapiesystem XY nicht in einer Stadt den Namen für sich alleine beanspruchen darf.
Auf freundliche Nachfrage von Gaby, verbunden mit dem Angebot, bei Bedarf andere Trainer aus demselben Ort auf die Webseite mit aufzunehmen, und dem Hinweis, dass im Vorfeld eine nicht unbeträchtliche Investitionen in die Erstellung und Positionierung der Seite getätigt wurde, wird Gaby unterstellt, allein durch den gewählten Namen der Webseite, einen territorialen Anspruch durchsetzen zu wollen. Auf das Angebot bei Bedarf andere Trainer von den Leads der Webseite partizipieren zu lassen, wird ihr gar vorgeworfen, eine eigene Unterorganisation von Familientherapiesystem XY in Deutschland etablieren zu wollen! Als Rechtfertigung für die eingangs gestellte„Bitte“ wird angeführt, dass andere Kollegen diese Initiative des Organisators umgehend zugestimmt hätten und darüber hinaus auch schon eine andere Trainerin dazu bewegt werden konnte, ebenfalls ihre Domain zugunsten der „Allgemeinheit“ aufzugeben. Das ganze schließt mit einem Ultimatum zum Ende des folgenden Monats, um diesen Vorgang im Sinne des Organisators abzuschließen.

Objektiv betrachtet, hat der Organisator des Familientherapiesystems XY keine rechtliche Handhabe um seinen Anspruch gegenüber Gaby durchzusetzen. Es existiert keine entsprechende vertragliche Regelung, wie man sie von großen Franchise Unternehmen wie McDonald‘s oder anderen kennt. Auf meine Nachfrage an Gaby, wie der Organisator gedenkt eine Nichtbefolgung seiner Anweisungen zu ahnden, teilt mir Gaby mit, dass sie hier mit Sanktionen auf „emotionalem Gebiet“ zu rechnen hätte, wenn man sich auf der nächsten Versammlung des Familientherapiesystems XY wieder persönlich begegnen wird. Aktuell hat Gaby noch keine abschließende Entscheidung getroffen, wie sie mit diesem Thema verfahren wird. Ich werde diesen Beitrag entsprechend aktualisieren, wenn sich neue Entwicklungen am Horizont abzeichnen.

Die Learnings:

Wie in anderen Organisationen auch, hört der Spaß und vor allem der immer wieder beschworene Gemeinschaftssinn in dem Moment auf, wo einzelne Mitglieder dieser Organisation aus der Reihe tanzen oder plötzlich erfolgreicher sind als Andere. Da bilden auch Organisationen von vermeintlichen “Gutmenschen” aus dem Coachingumfeld keine Ausnahme ;-).

Gerade im Umfeld des systemischen Coachings sind dabei viele Organisationen im Marketing so schlecht und unprofessionell aufgestellt, das einzelne Mitglieder mit übersichtlichem Aufwand vor unparteiischen Instanzen wie Google in kurzer Zeit die übergeordnete Dachorganisation in der Außenwirkung überflügeln können. Diesem Umstand ist in der Planung von Kampagnen und der Verknüpfung von Brands mit einzelnen Anbietern oder lokalen Niederlassungen Rechnung zu tragen, um sich hier keine ungewollte Diskussionen mit Kollegen ins Haus zu holen, die systemisch betrachtet in der Hackordnung über einem stehen. Wenn er oder sie damit aber gut leben kann (und das notwendige diplomatische Geschick mitbringt), ist es vielleicht auch möglich, einer Organisation einen positiven Impuls in Richtung Professionalisierung und Gewinnung von Reichweite für die ganze Organisation zu geben, von der am Ende Alle profitieren.

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